KINOABEND UND FILMGESPRÄCH

BOY

24. Januar, 19:00 Uhr im Thalia Kino Dresden (Görlitzer Strasse 6, 01099 Dresden)

Yalda Afsah & Ginan Seidl | DE I 2015 | 30 min | OmdU

Die Kurzdokumentation „Boy“ (https://www.rosenpictures.com/Projekte/BOY) ist ein sensibles Doppelporträt zweier Frauen, die sich bewusst jenseits tradierter Geschlechterrollen verorten und damit das patriarchale System Afghanistans infrage stellen.

Erzählt wird die Geschichte von Farahnoz, die im afghanischen Mazar-I Sharif als Junge aufwächst. Sie spielt Fußball, fährt Fahrrad, geht in die Schule und hilft ihrer Familie, indem sie alltägliche Aufgaben erledigt. Anders als andere Mädchen in ihrem Alter, die längst verheiratet sind und im Haus bleiben müssen, genießt sie Freiheiten, die in Afghanistan sonst nur Männern vorbehalten sind.

Farahnoz wurde in der Tradition der „Bacha Posh“ erzogen. Als „Bacha Posh“ werden in Afghanistan einzelne Mädchen von frühester Kindheit an als Jungen gekleidet und erzogen. Bis heute sind Söhne in Afghanistan mehr wert als Töchter – sie sind Beschützer, Bank und Altersvorsorge für ihre Eltern. Wenn Mütter keinen Stammhalter zur Welt bringen, gelten sie als Versagerinnen. Ist nach fünf Kindern immer noch kein Sohn geboren worden, so erlaubt es die Tradition deshalb, die jüngste Tochter zur „Bacha Posh“ zu machen. Doch die Angst vor einer Zwangsehe hängt über Farahnoz hängt wie ein Damoklesschwert. Gelten die „Bacha Poshs“ als heiratsfähig, werden sie wie „normale“ Mädchen verheiratet.

Die afghanische Sängerin Elaha kennt dieses Gefühl. Sie entschied sich selbst zu einem Leben als Junge, um selbstbestimmter zu sein. Sie beschreibt sehr genau, wie anders die Umwelt auf sie reagierte, aber auch, warum die Maskerade an ihr Ende kam, als sie als junge Frau Morddrohungen der Taliban erhielt.

Farahnoz und Elaha beeindrucken durch ihren Mut und ihre Entschlossenheit. Gleichzeitig wird deutlich sichtbar, wo der Wille zu Freiheit und Selbstbestimmung an die Grenzen verkrusteter gesellschaftlicher Vorgaben stößt – sei es in Afghanistan oder in Europa.

Gespräch mit:
Nilofar Schoaib (deutsch-afghanische Aktivistin und Feministin)
Mina Faizi (Feministin, Afghanistan, lebt seit kurzem in Deutschland)
Axel Steier (aktiv für die Rettung von afghanischen Ortskräften bei Mission Lifeline)


 

THE GREEN WAVE

12. Dezember, 19:30 Uhr im Thalia Kino Dresden (Görlitzer Strasse 6, 01099 Dresden)

Ali Samadi Ahadi | DE | 2011 | 80 min | OmdU

The Green Wave spielt im Jahr 2009 und handelt von einer gestohlenen Wahl im Iran. Eindrucksvoll werden uns die damaligen Proteste in Erinnerung gerufen und vor Augen geführt, warum 2022 niemand mehr an die Reformierbarkeit der Islamischen Republik Iran glaubt und warum Straßenproteste an Militanz gewonnen haben. Deutlich sichtbar werden die Kontinuität der staatlichen Gewalt, der Folter und systematischen Anwendung sexualisierter Gewalt. Der Film ist eine Mischung aus Dokumentations- und Animationsfilm, neben Interview-Szenen finden sich animierte Erzählstränge, die aus Facebookposts und Twitternachrichten zusammengesetzt wurden.

Grün, das war das Erkennungszeichen der Anhänger:innen von Präsidentschaftskandidat Mir Hossein Mussawi, der zur Symbolfigur der „grünen Revolution“ im Iran aufstieg. Die Präsidentschaftswahlen am 12. Juni 2009 sollten einen Wechsel bringen. Viele hofften damals noch auf die Reformierbarkeit der Islamischen Republik. Doch entgegen aller Erwartungen wurde der ultrakonservative Populist Mahmud Ahmadineschad im Amt bestätigt.

So deutlich das Ergebnis ausfiel, so laut und berechtigt waren dann auch die Vorwürfe der Wahlmanipulation. Die anhaltenden „Wo ist meine Stimme?“-Protestdemonstrationen wurden von staatlichen Milizen (Basij) immer wieder brutal angegriffen und aufgelöst. Private Aufnahmen von Handys oder Fotokameras zeugen von dieser maßlosen Gewalt: Menschen werden verprügelt, erstochen, erschossen, verhaftet, verschleppt, manche verschwinden spurlos. Zahllose Tote, Verletzte und Folteropfer, und eine weitere tiefe Wunde im Herzen der Iraner bleiben zurück.

Der Film schafft ein tieferes Verständnis der revolutionären Bewegung im Iran heute.


 

KINOABEND UND FILMGESPRÄCH MIT KATJA RIEMANN​

“…AND HERE WE ARE!” – EINE FILMSCHULE IN MORIA

2. Dezember, 19:30 Uhr im Thalia Kino Dresden (Görlitzer Strasse 6, 01099 Dresden)

Katja Riemann | DE | 2020 | 46 min | OmdU

Wir zeigen Katja Riemann’s Dokumentarfilmdebüt in Dresden in Anwesenheit der Regisseurin. Nach dem Screening wird es ein Filmgespräch geben.Außerdem wird eine kleine Ausstellung unserer grafischen Arbeiten zu sehen sein, die in unserer Recherchezeit auf Lesbos und im Lager Moria entstanden sind.
 
Moria auf der griechischen Insel Lesbos – dieser Name steht für das totale Scheitern europäischer Migrations- und Asylpolitik. Er steht für das alltägliche Leiden von zehntausenden Menschen auf der Flucht. Und doch gibt es auch hier Projekte die Hoffnung und Perspektiven geben können. Das Refocus Media Labs ist ein solches: Gegründet vom Amerikaner Douglas Herman und der Polin Sonia Nandzik lernen hier junge Geflüchtete seit 2018, ihre Sicht auf die Welt in Bildern auszudrücken. Die jungen Student:innen lernen vor allem das Handwerk für Fiction-Film. Im Media Lab finden sie eine Zukunftsperspektive. Durch die Umstände vor Ort produzieren sie aber auch Reportagen. Sie arbeiten dabei mit internationalen Broadcastern wie Al Jazeera, CNN und der BBC zusammen und berichten direkt und aus ihrer Perspektive vom Lageralltag. Katja Riemann ist mit ihrem Dokumentarfilmdebüt ein Dialog zwischen Filmschaffenden gelungen der Geflüchtete als Akteure und nicht als passive Opfer ihrer Umstände porträtiert.

 

KINOABEND UND FILMGESPRÄCH MIT YASER TAHERI UND REGISSEUR OLE JACOBS

NASIM

28. November, 20:00 Uhr im Thalia Kino Dresden (Görlitzer Strasse 6, 01099 Dresden)

Ole Jacobs und Arne Büttner | 2021 | 85 Minuten | OmdU 

Der Film ist eine sehr nahe und einfühlsame, dokumentarische Beobachtung über das Leben und die Emanzipationsversuche der Afghanin Nasim, die auf ihrem Weg nach Europa im Elendlager Moria gefangen ist. 
 
Nasim ist 38 Jahre und kam im Februar 2020 als Geflüchtete aus dem Iran über die Türkei nach Griechenland, das größte Flüchtlingslager der EU, wurde zwangsweise zu ihrem Wohnort. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Shamsullah, ihren beiden Söhnen und der erweiterten Familie, versucht Nasim das harte Leben im Camp zu überstehen. Ihre emotionslose Zwangsehe, in die sie im Alter von 13 Jahren gedrängt wurde, beginnt sie nun mehr und mehr infrage zu stellen. Ihre Schwester versucht, sie zu einem neuen und unabhängigen Leben zu bewegen. Doch eigene Unsicherheiten und Ängste scheinen ihr im Weg zu stehen. Um in Europa bleiben zu dürfen, muss sie ihre Asyl-Anhörung gemeinsam mit ihrem Ehemann bestehen, dessen Vergangenheit sie kaum kennt. In der Nacht vom 8. auf den 9. September 2020 zerstört ein Großbrand das komplette Lager und Nasim und ihre Familie stehen vor dem Nichts. Es folgen Demonstration, Obdachlosigkeit und Polizeigewalt. Doch Nasim kämpft weiter um ihre Würde und eine Zukunft in Freiheit.
 
Der Film von Jacobs und Büttner ist zugleich ein intimes Plädoyer für ein offenes und anderes Europa. Die Filmemacher durften wir 2020 während des Drehs auf Lesbos kennenlernen und legen euch diesen Abend wärmstens ans Herz.
 
Der Regisseur Ole Jacobs wird am Abend für ein Filmgespräch zur Verfügung stehen. Mit Yaser Taheri, konnten wir einen Gast gewinnen, der selbst in Moria leben musste. Er wird aus seiner Perspektive über das Leben im Lager berichten.
 
Produziert von Rosenpictures
 
 
 
 
 
17. Novemenber, 18:30 Uhr im Dachsaal des Riesa Efau (Wachsbleichstraße 4A, 01067 Dresden)
 
Zu Gast ist der berliner Aktivist und Autor Hamid Mohseni. Gemeinsam wollen wir einen Blick auf die aktuelle Situation im Iran werfen und  überlegen: Warum ist das Thema Iran für uns wichtig und was können wir von hier aus tun?
 
Die revolutionäre Bewegung im Iran – ausgelöst durch den Tod der Kurdin Jina Mahsa Amini in Polizeigewahrsam Mitte September – genießt seit Monaten globale Aufmerksamkeit. Sie ist geprägt von Feminismus, Klassenkampf sowie einer Solidarität zwischen unterschiedlichsten ethnischen und religiösen Gruppen im Land, wie es sie wohl noch nie unter der Islamischen Republik gab. Diese kennt bei Widerspruch nur eine Sprache, die der Gewalt und des Terrors gegen die eigene Bevölkerung. Doch obwohl die Mullahs Experten in der Aufstandsbekämpfung sind, zeigt sich ihre wichtigste Waffe derzeit wirkungslos: die Angst. Und das trotz über 300 Toter und ca 15.000 Festgenommener. Denn die vor allem sehr junge iranische Bevölkerung hat ihr den Kampf um die Zukunft angesagt und ist bereit, ihr Leben dafür zu riskieren.
 
Über den Referenten:
 
Hamid Mohseni ist Autor und Aktivist. Er ist im Iran geboren und in Deutschland aufgewachsen. Seit 2009 beschäftigt er sich intensiv mit Streiks und sozialen Bewegungen im Iran und publiziert dazu in unterschiedlichen Medien auf Deutsch und Englisch. Er lebt und arbeitet in Berlin.